Die
bislang in Deutschland aufgetretenen Fälle von BSE sind nach derzeitigem
Kenntnisstand vor allem durch die Verfütterung infektiöser Futtermittel
verursacht worden. Ein Zusammenhang dieser Erkrankungen mit "industrieller
Landwirtschaft" und vermeintlich übertriebener Leistungszucht erscheint
daher nicht plausibel, zumal die betroffenen Betriebe in der Mehrzahl kleinere,
naturnah wirtschaftende Familienbetriebe sind.
Da in
den jeweiligen Herden nur einzelne Tiere erkranken, obwohl alle Tiere das
gleiche Futter aufnehmen, scheinen genetisch bedingte Unterschiede in der
Anfälligkeit wahrscheinlich. Gelingt es, die zugrunde liegenden Mechanismen zu
verstehen, kann dieses Wissen langfristig züchterisch eingesetzt werden. Es
existieren vielversprechende Forschungsansätze auf diesem Gebiet, welche im
Rahmen von nationalen und internationalen Forschungsprojekten verfolgt werden
müssen.
In
diesem Zusammenhang ist es dringend geboten, von allen an BSE erkrankten
Tieren, deren Stallgefährten und nicht erkrankten verwandten Tieren
Probenmaterial für die entsprechenden Untersuchungen zu sichern. Ebenso müssen
die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, solche Tiere unter Quarantäne zu
stellen, um die Forschung an lebenden infizierten und erkrankten Tieren zu
ermöglichen.
Die Herkunft von lebenden Tieren und der Weg tierischer Produkte wie
Fleisch vom Schlachthof bis zur Ladentheke muss zwar heute schon dokumentiert
werden, die Einhaltung dieser Verpflichtung ist jedoch kaum zu überprüfen. Die
systematische Gewinnung von Gewebeproben aller Rinder und die Anlage einer
Genotyp-Datenbank ermöglicht eine objektive Kontrolle. Die umgehende Einführung
eines solchen Systems kann einen wichtigen Beitrag dazu leisten, das Vertrauen
der Verbraucher in die einheimische Rindfleischerzeugung wiederherzustellen.
Aus
Sicht der GfT und der DGfZ erscheinen die strikte Einhaltung des Verbots der
Fütterung tierischer Eiweiße an Rinder und intensive Forschung mit dem Ziel,
Züchtung auf BSE-Resistenz zu ermöglichen, als aussichtsreichste Strategie zur
nachhaltigen Eindämmung der BSE-Krise.
Die GfT und die DGfZ widmen sich der Forschung und dem
Fortschritt auf den Gebieten Tierzucht, Tierhaltung, Tierernährung,
Fortpflanzung und Gesundheit landwirtschaftlicher Nutztiere. Aufgabe der
Tierzüchtung ist es, mit gesunden und leistungsfähigen Tieren unter den
tiergerechten Haltungsbedingungen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in
unserem Land qualitativ hochwertige Lebensmittel zu erzeugen. In der
Rinderzucht ist neben den Leistungskriterien die Verbesserung der Gesundheit,
der Krankheitsresistenz und der Langlebigkeit immer vorrangiges Ziel, schon
deswegen, weil mit anfälligen oder kranken Tieren keine erfolgreiche und
wirtschaftliche Produktion möglich ist.
Nach dem derzeitigen Kenntnisstand sind die bekannt
gewordenen Fälle von BSE bei deutschen Rindern mit großer Wahrscheinlichkeit
auf Verstöße gegen Verbote von gefahrbringenden Futtermitteln und
Risikomaterialien zurückzuführen. Da Tiere von verschiedensten Rassen, auch von
Extensivrassen, betroffen sind, ist ein Zusammenhang mit einer vermeintlich
übertriebenen Zucht auf hohe Leistungen wenig wahrscheinlich. Die Mehrzahl der
bislang von BSE betroffenen Betriebe sind keine Agrarfabriken und betreiben
keine industriemäßige Landwirtschaft. Sie entsprechen als Familienbetriebe dem
bisherigen Leitbild der deutschen Agrarpolitik.
Die Tierzüchtung beschäftigt sich seit langem mit der
Frage, wie Nutztiere sich gegen Infektionen schützen und wie diese
Abwehrmechanismen genetisch fundiert sind. Ein ausreichendes Verständnis dieser
Zusammenhänge erlaubt es, genetisch widerstandsfähigere Tiere zu züchten. Diese
Vorgehensweise wurde bereits erfolgreich in der Schweinezucht für
Stressresistenz praktiziert und wird in der Rinderzucht zur Verbesserung der
Eutergesundheit genutzt.
BSE ist keine Krise der Wissenschaft, sondern vielmehr
eine Krise der "Nicht"-Wissenschaft, d.h. der unzureichend
geförderten Wissenschaft!
Im Fall BSE weist einiges auf möglicherweise genetisch
bedingte Unterschiede in der Anfälligkeit hin. Bei einigen Spezies, u.a. bei
Mensch und Schaf, konnte eine klare genetische Komponente bei der Resistenz
bzw. Empfänglichkeit gegenüber infektiösen Prionen nachgewiesen werden. Beim
Rind ist eine solche genetische Beteiligung am Krankheitsausbruch noch nicht
gezeigt, wohl auch deswegen, weil nicht genügend Fälle ausreichend untersucht
worden sind. Die Tatsache, dass nur eines oder einige Tiere eines Bestandes
klinisch an BSE erkranken, obwohl alle das gleiche Futter bekommen, weist in
diese Richtung.
Derzeit ist nicht bekannt, ob nicht gesunde Tiere
tatsächlich resistent sind und auf welchen Resistenzmechanismen dies beruhen
könnte, oder ob erkrankte Tiere besonders anfällig sind und worin die
Anfälligkeit begründet ist. Ein Ansatz zur Klärung des Infektionsgeschehens
könnte durch die Verwendung von nachweislich BSE-erkrankten Tieren und
verwandten nicht erkrankten Tieren verfolgt werden.
Es gibt eine Reihe von Ansatzpunkten für die Untersuchung
von genetischen Polymorphismen mit Einfluss auf Resistenz gegen bzw.
Anfälligkeit für BSE, die bislang aus Mangel an Forschungsmitteln nicht oder
nicht umfassend genug untersucht worden sind.
Deshalb ist zusätzlicher Forschungsbedarf unerlässlich,
vorrangig um zu klären, inwieweit im Falle von BSE genetische Unterschiede
zwischen Tieren genutzt werden können, um gezielt auf die Resistenz oder gegen
Anfälligkeit gegen BSE zu züchten und damit das Risiko der Verbreitung und
Weiterexistenz dieser Krankheit in unseren Rinderpopulationen nachhaltig zu
reduzieren. Diese genetischen Untersuchungen müssen europaweit konzipiert
werden, damit möglichst viele BSE-Fälle mit einbezogen werden können. Die an
einem Beitritt zur EU interessierten Länder sind in den Forschungsverbund zu
integrieren.
Es ist erforderlich, bundesweit von allen BSE-Fällen
sowie zumindest von den zeitgleich geborenen, am besten aber von allen Tieren
der betroffenen Bestände Proben (Gewebe und möglichst auch Blut) zu gewinnen
und für Untersuchungszwecke aufzubewahren. Dazu sollte eine geeignete Datenbank
in Anlehnung an die BSE-Datenbank des Central Veterinary Laboratory in England
aufgebaut werden. Die vorhandene Infrastruktur zur Tierkennzeichnung in den
Bundesländern und die zentrale Tierdatenbank im bayerischen
Landwirtschaftsministerium sind entsprechend weiter zu entwickeln.
Aus epidemiologischen Gründen muss bei jeder Tötung von
Rindern zumindest soviel geeignetes Material konserviert werden, dass
Untersuchungen auf BSE sofort oder später durchgeführt werden können und diese
Informationen nicht verloren gehen. Die grundsätzliche Tötung aller Tiere vernichtet
wertvollste Untersuchungsobjekte, an denen man viel über die BSE-Erkrankung
lernen könnte. Jedes nicht untersuchte Tier ist ein Verlust für die
BSE-Forschung! Diese Forschung erscheint insbesondere auch deshalb wichtig, da
andere Übertragungswege als über infektiöse Futtermittel derzeit nicht mit
Sicherheit auszuschließen sind.
Die Untersuchung der für Deutschland vorgesehenen
Schlachtung von 400.000 über 30 Monate alten Rindern gibt einen guten Überblick
über die derzeitige Verbreitung der Krankheit.
In dieser Hinsicht eröffnet die derzeitige BSE-Krise auch
eine Chance, da jeder Fall dazu beitragen kann, die Frage der genetischen
Fundierung der Anfälligkeit für BSE zu klären. Durch die Tötung aller Tiere
eines betroffenen Bestandes wird wichtiges Forschungsmaterial vernichtet. Die
Untersuchung von Geburtskohorten - unter entsprechenden Sicherheitsstandards -
könnte dazu beitragen, die genetischen Grundlagen bei der Entstehung von BSE
besser zu analysieren und Testverfahren für lebende Tiere zu entwickeln und zu
bewerten. In all' diesen Fällen ist es notwendig, lebende Tiere zur Verfügung
zu haben.
Bei der Frage der Tötung der Tiere eines betroffenen
Betriebes erscheint aus wissenschaftlicher Sicht die Kohortenlösung
unproblematisch. Es darf in diesem Zusammenhang jedoch nicht vergessen werden,
dass ein Verbleib von Tieren in einem Bestand, in dem ein BSE-Fall aufgetreten
ist, im Hinblick auf den Verbraucherschutz kritisch und deshalb in aller Regel
für den Landwirt nachteilig ist.
Als Folge der BSE-Krise wird politisch eine deutliche
Ausweitung des Anteils des Öko-Landbaus auf bis zu 20 % der Gesamtproduktion
gefordert. Wir unterstützen diese Forderung, sofern sich die Verbrauchernachfrage
nach Öko-Produkten zu entsprechend höheren Preisen im gleichen Maße steigern
lässt.
Indes können im Öko-Landbau BSE-Ausbrüche nicht
grundsätzlich ausgeschlossen werden, wenn sie auch weniger wahrscheinlich sind.
Viele der geforderten Produktionsbedingungen, wie die Bindung der Produktion an
die Fläche, die Bewirtschaftung kleiner Einheiten, Weidegang und eigener
Futterbau etc. waren in den meisten der Betriebe, in denen bislang in
Deutschland BSE-Fälle auftraten, durchaus gegeben. Aufgrund des derzeitigen
Kenntnisstandes ist eine sichere Produktion auch in der konventionellen
Produktionsweise möglich, sofern das Verbot der Beimengung von Tierkörpermehl
und anderen tierischen Ausgangsstoffen in Futtermittel für Rinder strikt
befolgt und dessen Einhaltung konsequent kontrolliert wird.
Die Ausweitung des Öko-Landbaus ist zwar begrüßenswert,
sie stellt wegen ihres geringen Umfanges jedoch nur eine sekundäre Maßnahme in
Bezug auf die Eindämmung der BSE dar.
Geltendes EU-Recht bestimmt, dass jedes Rind individuell
gekennzeichnet werden muss und dass alle Tierbewegungen in einer zentralen
Datenbank erfasst werden. Auch der Weg des Fleisches vom Schlachthof bis zur
Ladentheke muss dokumentiert werden und rückverfolgbar sein. Leider sind diese
Systeme nicht hinreichend zuverlässig, weil nicht unabhängig kontrollierbar. Eine
objektive Kontrollmöglichkeit bieten Verfahren, bei denen eine z.B. vom Kalb
gewonnene Referenzprobe mit einer später vom ausgewachsenen Tier oder vom
Schlachtkörper genommenen Kontrollprobe verglichen wird. Mit Hilfe
molekulargenetischer Methoden können Vertauschungen eindeutig festgestellt und
nachgewiesen werden. Ein solches Verfahren kann dazu eingesetzt werden, anhand
von Stichproben die Verlässlichkeit der etablierten Systeme zur Verfolgung der
Tiere vor und nach der Schlachtung zu überprüfen. Ebenso kann es in
Verdachtsfällen dazu benutzt werden, die Herkunft von Tieren oder Fleisch zu
klären.
Voraussetzung ist in allen Fällen die systematische
Entnahme von Gewebeproben aller Tiere einer Region oder Population. Entsprechende
Techniken zur Probenahme im Zusammenhang mit dem Einziehen der Ohrmarke stehen
zur Verfügung. Die Proben können dann entweder aufbewahrt oder vorab analysiert
werden, die Ergebnisse werden in einer Genotyp-Datenbank gespeichert.
GfT und DGfZ unterstützen nachdrücklich die Forderung der
Landwirtschaftsminister der Länder, eine solche Genotyp-Datenbank möglichst auf
EU-Ebene einzurichten. Insbesondere in Zusammenhang mit den berechtigten Sorgen
der Verbraucher auf Grund der BSE-Krise muss in Deutschland im Vorgriff auf
eine EU-einheitliche Regelung eine flächendeckende Probenentnahme umgehend
begonnen werden. Diese Maßnahme leistet einen wichtigen Beitrag dazu, das
verloren gegangene Vertrauen der Verbraucher in die einheimische
Rindfleischerzeugung wieder herzustellen.
Prof. Dr. Dr. Gottfried Brem, Vorsitzender der Gesellschaft für
Tierzuchtwissenschaft
Dr. h.c. Philipp Fürst zu Solms Lich, Präsident Deutsche Gesellschaft für
Züchtungskunde
Stand des Dokuments: März 2001